Rollei Steady Butler Pocket Test // Handheld-Gimbal

WHAT?! Nachdem aus dem Hause Rollei der DJI Konkurrent zu seiner Osmo Action bekommen hat (das war erst im Dezember), legen die klugen Köpfe aus dem Schwarz-Orangenen Headquater im Norden der Republik gleich noch einen oben drauf, nichtmal zwei Monate später?!

Sehet und Staunet: Der Steady Butler Pocket!

Leider endet genau hier die Begeisterung. Ich habe mich zwar wie ein Schneekönig auf das gute Stück gefreut und bin durchs Büro gehüpft als die Kamera announced wurde, aber zu früh gefreut.

Die Gimbal-Reihe bei Rollei wurde „Steady Butler“ getauft. Nach den Bediensteten für eure DSLMs, Smartphones und Action-Cams gibt es eben dieses Gimbal nun auch in der Kompaktversion. Die vorangegangen Gimbals hatten allesamt so ihre Schwächen. Sie waren nicht immer ganz ruckelfrei, reagieren sehr behäbig und die App-Steuerung war mehr als ungenau. Die Gimbals ohne Smartphone zu steuern bedurfte schon eines Kurzstudiums. Ob das jetzt mit dem „Palm Sitzed Gimbal“ anders wird? I hope(d) so. Really.

Ich habe dieses Review angefangen zu schreiben, bevor ich die Kamera auf Herz und Nieren prüfen konnte und war guter Hoffnung, nach dem Erfolg mit der neuen Actioncam-Serie nun auch hier etwas Ausgereiftes vorzufinden. Nix is.

Genug des argumentbefreiten Bashings: Let’s get started.

Videoqualität

4K ist ja inzwischen der Branchenstandard, mit weniger braucht sich kein ernstzunehmender Hersteller mehr an den Markt trauen. So auch Rollei. Leider hat es hier „nur“ für 4K/ 30fps gereicht, wo sie doch die im Dezember ’19 veröffentlichten Actioncam-Serie bereitsmit 60 Bildern pro Sekunde Aufnahmeleistung ausgestattet haben. Butterweiche Slo-Mo Video sind hier also nur mit Abstrichen möglich. Wer auf die 4K-Auflösung verzichten mag, bekommt aber bei Full HD die 60fps geliefert. Puh.

Wie ihr dem Video sehen könnt, ist das Footage leider auch nicht ruckelfrei. Die berühmte „vierte Achse“, also die Auf- und Abbewegungen beim Laufen kann die Kamera rein technisch nicht raus bekommen, nur leider ist das Bild auch sonst nur reduziert ruckelfrei.

Und ich musste tatsächlich mit Erschrecken feststellen, dass die Bilder verzerrt sind. Also um genau zu sein, haben die Aufnahmen einen stark sichtbaren Fish-Eye Effekt und sind wir mal ehrlich: Das geht gar nicht. Von Actioncams bin ich das gewohnt und teilweise muss das auch so. Gerade bei sehr weitwinkligen Aufnahmen. Aber auch hier kann man in der Regel die Kamera so einstellen, dass dieser Effekt digital korrigiert wird. Diese Möglichkeit habe ich bei dem Steady Butler leider noch nicht gefunden.

Ich kann euch natürlich viel erzählen – Wie sehen die Aufnahmen denn nun out-of-the-box aus? Schaut dazu einfach in das oben verlinkte Video 🙂

Kamerafahrten klappen soweit ganz in Ordnung. Es gibt einen langsamen und einen schnellen Follow-Mode. Das ist grundsätzlich schon ganz gut. Macht auch auf jeden Fall Sinn, dass ihr die Folgegeschwindigkeit je nach Setting variieren können.

Zudem bietet der Gimbal noch die Möglichkeit Zeitraffer-Aufnahmen mit den gängigen Einstellungsmöglichkeiten zu machen: Seht selbst

Rollei Steady Butler Pocket // Zeitraffer

Tonqualität

Ich nehme mir jetzt mal das Recht raus zu sagen, dass der DJI Usmo Pocket als Vorbild für Rollei gedient hat. Wie natürlich auch für alle anderen Palm-Sized Gimbals. Sofern ihr die Mikros auf der Vorderseite und das zwei Mikro auf der Rückseite nicht verdeckt habt, war der Ton für einen Onboard-Sound in Ordnung. Er war nicht komplett scheiße.

Rollei gibt hier in seinem Manual direkt den Hinweis auch darauf zu achten, die Mikros nicht zu verdecken. Macht ja auch Sinn. Aber wie klingt das kleine Wunderwerk nun?
Im Video habe ich euch einen Tontest in städtischer Umgebung geliefert. Hört am besten selbst.

Ich für meinen Teil bin aber nur so bedingt überzeugt von der Tonqualität. Der Ton klingt etwas blechern und räumlich weit weg. Man kann zwar alles verstehen, aber halt nicht qualitativ hochwertig. Für zu veröffentlichende Videos wenig brauchbar. Hier würde ich mir eine Kompatibilität externer Mics wünschen.

Low-Light Performance

Disclaimer: Ich finde es immer wichtig einmal zu erwähnen, dass die technischen Möglichkeiten zur digitalen Verbesserung von Bilder heute schon recht fortgeschritten sind. Viele Smartphone bekommen Bilder hin, für die Besitzer einer Spiegelreflex-Kamera um die 2000er Jahre über Leichen gegangen wären (Natürlich nur metaphorisch). Aber ein Sensor ist nunmal ein Sensor und der hat eine bestimmte Größe. Es gilt grob der Merksatz, dass der Umgang mit schlechten Lichtverhältnissen mit zunehmender Sensorgröße leichter wird. Der Sensor einer Vollformat-Kamera ist nun ein vielfaches größer als der 1/3.06″ Sensor des Gimbals.

Was möchte ich euch damit sagen: Erwartet keine Wunder von einer technisch limitierten Kamera. Und genau das liefert sie auch: Keine Wunder und keine Überraschungen. Die Low-Light Performance ist nicht gut und daher empfehle ich einfach eine externe Lichtquelle.

Handling

Ähm. Ja. Nein.
Ich habe sehr große Hände und normalerweise verschwinden Kameras darin. Der OSMO Pocket tut es auf jeden Fall. Ich hatte den Rollei Gimbal beim Unboxing zum ersten Mal in der Hand und es war nicht schön. Kantig, kein wertiger Eindruck. Die Komponenten und Knöpfe sind in Ordnung, teilweise etwas wackelig verarbeitet. Trübt leider den Gesamteindruck. Die komplette Vorderseite ist leer, nur der Bildschirm ist da und natürlich das Frontmikro.

Sehr gut finde ich den Auslöser. Der ist im hinteren Teil des Gehäuses eingelassen und leicht geriffelt mit einem angenehmen Druckpunkt. Das ist intuitiv und finde ich wohl gewählt. Macht auf jeden Fall Sinn. Hierfür thumbs-up.

Wenn der Gimbal angeschaltet wurde, sind die verschiedenen Menüs und die Bildansicht durch Reinwischen von den Kanten aufrufbar. Soweit so gut. Die wichtigsten Einstellungen lassen sich relativ schnell vornehmen und gefunden habe ich auch alles Wichtige. Vom Frontfilmen in den Selfie-Modus lässt sich mit einem Wischen und einem Klick wechseln. Ebenso die drei Follow-Modi lassen sich recht schnell ändern. Die dafür genutzt Piktogramme (die zeigen welche/r der drei Motoren arretiert sind) finde ich sehr gut und schön visualisiert.

WARUM ZUR HÖLLE HABT IHR DAS NICHT MIT DEM REST DES MENÜS GEMACHT?!?!!1!!11

Der Rest des Menues, sobald man es auf Deutsch gestellt hat, sieht aus als ob ihr in einer Beta arbeiten würdet. Das tut zwar der Bedienbarkeit keinen Abbruch, sieht aber so dermaßen nach schlecht gestaltetem Spielzeug aus.


Zudem reagiert der Touchbildschirm nicht direkt, wenn ihr in den Kanten toucht. Das ist nicht nur nervig, sondern kostet auch Zeit.

Das sind Probleme im UI (User Interface) die die Erfahrung mit der Kamera massiv trüben. Lösbar meiner Meinung nach mit einem Firmware-Update. Hier gibt es massiv Nachholbedarf auf Seiten von Rollei.

Fotoqualität

Fisheye natürlich auch hier. Beschreibung s. „Videoqualität“

Selbstverständlich ist das eine Filmkamera. Für Fotos ist das Ding nicht zwangsläufig gedacht. Die Kamera löst mit 13MP aus. Das ist unterer Durchschnitt.
RAW-Aufnahmen sind natürlich nicht möglich. Erwartet aber auch keiner.
Beispiel gefällig? Entweder die Commerzbank hat eine krumme Zentrale oder ich einen dollen Knick.

Pocket Gimbal 4K Camera – Probefoto in Frankfurt a.M. // Gegenlicht-Situation // Fish-Eye
(c)marcusmitc.com

App / -bedienbarkeit

Über die Masse der APPs von Rollei habe ich mich bereits hier einmal ausgelassen. Dabei belasse ich es dieses mal auch.

Ansonsten sind die Möglichkeiten der App sehr begrenzt. Die Einstellungen sind ziemlich genau dieselben, die ich auch in der Kamera direkt wählen kann. Sehr, sehr schlecht finde ich die manuellen Einstellmöglichkeiten. Den Messmodus für die Belichtung kann ich zwar wählen, den ISO kann ich auch zwischen 100 und 1.600 einstellen, aber da hört es dann auch schon auf. Alles andere übernimmt die Kamera für einen. Für mich als jemanden der gerne ins Bildgeschehen eingreift und sehr ungern Belichtungswechsel während einer Aufnahme hat, ist das sehr unbefriedigend. Schade eigentlich.

Größter Kritikpunkt: Ihr könnt das Gimbal (den Gimbal – streitbarer Punkt) nicht über die App steuern. Der Kamerakopf ist NICHT, ich wiederhole nicht, digital steuerbar. Dass das auf dem kleinen Bildschirm an der Kamera nicht geht, damit kann ich mich noch anfreunden. Der Bildschirm ist klein, das ist unpraktisch. Passt also. Aber in der App sollte das doch möglich sein.

Warum ist das ein Problem? Wenn ihr schon ein Gimbal in der Hand haltet, dann würde ich diesen auch schwenken wollen. Für Videos. Besonders Landschaften oder langsame Kamerafahrten oder… Denkt euch was aus. Was soll das?
Ich habe es jetzt intuitiv ein paar Mal auf meinem Smartphone-Bildschirm gewischt und was ist passiert?! Ich bin zwischen den Aufnahmemodi gewechselt! Unschön.

Ansonsten tut die App was sie soll. Sie dient bei diesem Gimbal nur als Monitor. Nicht mehr, nicht weniger.

Lieferumfang

Ganz nüchtern:
1. Gimbal
2. Handschlaufe
3. USB-C Ladekabel
4. Gimbalcase aus weichem, flexiblen Plastik
5. Papier

Ich mag mich kaum mehr aufregen. Aber: Rollei verwöhnt uns sonst mit viel qualitativ gutem Zubehör. Hier nicht.

Ich vermute mal, dass das dem Fakt geschuldet ist, dass es einfach noch keines gibt, Aber mit dem 1/4″ Gewinde hätte man schon viel machen können.
Das festigt einfach meinen Eindruck, dass das Gimbal zu früh gelaunched wurde und es einfach noch keine Marktreife besitzt. Für 200EUR wäre ich einfach ungern der Beta-Tester.

Verbesserungsvorschläge

Die Liste wird diesmal leider lang.

  1. UI-Design des Gimbals-Touch-Screens anpassen, so dass es sauber aussieht
  2. Gimbal-Steuerung per APP ermöglichen
  3. Mikrofon koppelbar machen oder entsprechendes Zubehör veröffentlichen
  4. In der APP: Modus-Wechsel nur dann, wenn man in dem Bereich der Modi etwas verschiebt
  5. Verschlusszeit einstellbar machen (vergleichbar mit dem Aperture-Priority bei DSLR/DSLM)
  6. Automatische Verzerrung (Fish-Eye) Korrektur onboard
  7. Sollte es möglich sein: Touchscreen-Kalibrierung erlauben, sodass die Ecken im Gimbal reaktionsschneller sind
  8. Die Darstellung des Livebildes an die reale Farbgebung anpassen. (Zurzeit ist das Bild wesentlich dunkler)

Ich bin sehr gerne bereit und ich denke, dass es da vielen von euch auch so geht, für einen kleineren Preis auf den ganzen Luxus-Schnick-Schnack zu verzichten, wenn ich dafür eine grundsolide Kamera bekommen würde. Das gelingt Rollei in der Regel auch gut bis sehr gut. Leider muss ich hier einmal ganz tief in die Phrasenkiste greifen und verzeiht es mir bitte aber: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Um es kurz zu machen: Auf dem aktuellen Stand ganz klar: Keine Kaufempfehlung.

#keepitchaotic
Euer
marcusmitc

Veröffentlicht von MarcusMitC

mit diesen Worten fangen die meisten meiner Videos an. Und genau das bin ich auch. Mein Name ist Marcus und ich bin derzeit in der schönen Hauptstadt Niedersachsens, in Hannover, verortet. Fotografie und Filmen sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Und an diesem möchte ich euch gerne teilhaben lassen. Über Blogposts, YouTube-Content oder über Instagram. Besucht einfach meine verschiedenen Kanäle und sucht euch das raus, was euch gefällt.

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